Die "Benderschen Lügensignale" kennt sicherlich jeder Jurist noch aus der Ausbildung, wobei auch dessen Urheber, Prof. Rolf Bender, bereits anmerkte: "Der Irrtum ist der größte Feind der Wahrheitsfindung vor Gericht." Zwei aktuelle, sehr interessante Artikel ranken sich um die Frage, wie gut Zeugen eigentlich dazu geeignet sind, in Gerichtsprozessen eine tragende Rolle zu spielen. Im einen geht es ums Lügen. Im anderen um den Irrtum.
Die Süddeutsche zeichnet in ihrem Artikel "Lügen ist Schwerstarbeit fürs Gehirn" das Bild desjenigen Zeugen, der wissentlich die Unwahrheit sagt, und wie man ihn ausfindig machen kann. Das ist vor allen Dingen in denjenigen Prozessen schwierig, in denen es beispielsweise um Straftaten geht, an denen nur zwei Menschen beteiligt waren: der Täter und das Opfer. Vergewaltigung oder sexueller Missbrauch sind hier als Beispiel zu nennen. Am Ende des Artikels wird aber auch deutlich gesagt: Man kann zwar feststellen, ob jemand glaubwürdig ist oder nicht. Ihn der Lüge zu überführen ist jedoch deutlich schwieriger: "Nur weil sich in einer Schilderung wenige Hinweise auf Glaubhaftigkeit finden, muss die aussagende Person noch lange kein Lügner sein."
Die Zeit hingegen versucht zu erklären, warum mehrere Zeugen glaubwürdig über einen Vorfall berichten können und dennoch die Lage unterschiedlich schildern. "Ehrliche Falschaussagen", ist der Bericht überschrieben, und er handelt vom aktuellen Brunner-Prozess. Es wird erzählt von der Kreativität des Gehirns, das Wahrnehmungslücken ganz einfach mit eigenen Vorstellungen des Zeugen füllt. Wer kennt das nicht: Man geht an einer Straße entlang, hört es hinter sich krachen, dreht sich um und meint dann sofort zu wissen, wie sich der Unfall tatsächlich ereignet hat. Aus der Stellung der Autos glaubt man sofort ablesen zu können, wer hier wem die Vorfahrt genommen, wer hier nicht aufgepasst hat. Die eigenen Erwartungen verdichten sich hier zur erlebten Wirklichkeit.
Recht, lesenswert, wie ich finde. Viel Spaß bei der Lektüre.
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